Der anstrengendste und schönste Job meines Lebens

„Ich will Familie leben, und nicht nur etwas auf meiner Lebensliste abhaken!“ Das sage ich oft, wenn ich gefragt werde, warum wir unsere Kinder in den ersten Lebensjahren selbst betreuen. So wollen wir unseren Kindern Zeit und Raum geben, die Welt in ihrem Tempo zu entdecken. Denn ich bin überzeugt davon, dass es Kleinkindern nicht gut tut, mehrmals wöchentlich geweckt, oftmals in Eile angezogen und zu einer Gruppe von Kindern gebracht zu werden, mit der sie dann in Gewusel und Lärm Stunden verbringen, ohne bereits in der Lage zu sein, die eigenen Bedürfnisse artikulieren zu können, auf die dann feinfühlig reagiert wird. Und das alles ohne Mama oder Papa, stattdessen von Erziehern oder Tagesmüttern betreut, die ihre Aufmerksamkeit zwischen vielen teilen müssen. Deshalb will ich meine Kinder in den ersten Lebensjahren komplett selbst betreuen. Ich will sie begleiten. Stunde um Stunde. Intensiv. Präsent.

Wir genießen dabei die große Freiheit, den Tag so zu gestalten, wie es für uns gerade passt: mit einer Mischung aus Erledigungen, in die ich die Kinder einbinde (zum Beispiel aufs Bürgeramt gehen, im Garten gießen) und Unternehmungen, die vor allem den Kindern Spaß machen – in den Zoo gehen, Spielkameraden treffen etc. Dabei ist aber auch unser Leben anstrengend und herausfordernd: Sieben Mal die Woche kochen wir, haben viel größere Lebensmitteleinkäufe (alles ohne Auto), und in der Wohnung fällt einfach mehr Dreck an, wenn nicht alle fünf Tage die Woche bei der Arbeit oder in der KiTa sind – das sieht keiner.

Deshalb ärgert mich oft das gesellschaftliche Bild, das von Müttern gezeichnet wird, die sich dafür entscheiden, ihre Kinder in den ersten Jahren selbst zu betreuen: dicke Hausfrauen, die es sich den ganzen Tag auf dem Sofa gemütlich machen und dort Pralinen in sich reinstopfen.

Ganz ehrlich: Es gibt Momente der Erschöpfung, da wünschte ich, dem wäre so. Denn die Realität sieht so aus, dass es manchmal kaum möglich ist, eine ruhige Minute zu finden, in der ich ein wichtiges Telefonat erledige oder einen Dreizeiler per Mail verschicke. Das alles ist kräftezehrend: Tasche packen, die Kinder anziehen, Treppe runter, aufs Fahrrad, einkaufen, später wieder zurück, kochen, ein bisschen putzen, versuchen, dass beide zeitgleich Mittagsschlaf machen, eine Zwischenmahlzeit vorbereiten, wieder anziehen, raus, dann auf den Spielplatz, dazwischen Windeln wechseln, Wäsche sortieren, Wasserlachen umgekippter Becher aufwischen... Dafür lassen wir zwischendrin alles liegen und stehen und schauen uns ausgiebig Bücher an, wir jagen uns gegenseitig durch die Wohnung oder kuscheln eine Runde. Draußen beobachten wir, wie Straßenlaternen gereinigt, Mülleimer abgeholt oder Kohlen geliefert werden.

Natürlich hätten unsere Kinder sich auch in Krippe oder Tagespflege gefügt – was wäre ihnen auch anderes übrig geblieben? Aber ich bin davon überzeugt, dass jedes Kind in diesem Alter lieber zu Hause bei Mama und/oder Papa wäre als andernorts.

Meine Tochter hat bis zu ihrem zweiten Geburtstag selbst dann in meiner Nähe gespielt, wenn wir zu zweit in der Wohnung waren – für mich ein Beleg dafür, wie stark sie (ein aufgewecktes, neugieriges Mädchen) Nähe und Sicherheit suchte. Heute staune ich, wie toll sie sich über einen längeren Zeitraum selbst beschäftigen kann – ich denke, das hat auch damit zu tun, dass ihr kein „Dauer-Programm“ geboten wird. So lernt sie, neue Ideen zu entwickeln und eben auch, sich selbst auszuhalten – meiner Meinung nach eine immens wichtige Fähigkeit in einer Welt, in der wir in fast jeder Minute mit Neuem konfrontiert werden und uns auf Knopfdruck Unterhaltung, Information und Kommunikation organisieren können.

Natürlich verspüre ich manchmal Lust, wieder zu arbeiten – das wäre die deutlich „ruhigere Kugel“ für mich! Anerkennung für Leistung von Erwachsenen zu bekommen, ein Resultat in den Händen zu halten – wen lockt das nicht? Deshalb freue ich mich, wenn ich ab und an mal einen Artikel schreiben oder eine Moderation vorbereiten und durchführen kann – das tut mir gut! Dennoch kann ich mir aktuell keinen Job vorstellen, den ich so gerne machen würde, dass ich dafür meine kleinen Kinder in fremde Hände gebe. Zu wertvoll ist das Zusammensein mit den Kindern – die Zeit, schöne Momente auszukosten, Wutanfälle auszusitzen, im Moment entstandenen Ideen nachzugehen.

Und, mal ehrlich: Wenn ich dann alt und klapprig in meinem Lehnstuhl sitze und auf mein Leben zurückschaue, dann zücke ich ganz bestimmt nicht meine Arbeitszeugnisse. Dann zählt, ob ich intensiv gelebt habe und in möglichst geklärten, intakten Beziehungen lebe – gerade zu meinen Kindern. Den Grundstein (ohne Garantie natürlich) dafür legen wir jetzt.

Frau eines wunderbaren Mannes, der voll und ganz hinter dieser Lebensentscheidung steht, Mutter einer Tochter (2 ½ Jahre) und eines Sohnes (1 Jahr), Journalistin