LebensQUALITÄT und LebensINTENSITÄT

Ich hatte nie vor, mich über das erste Lebensjahr hinaus ganztags um mein Kind selbst zu kümmern. Schließlich bin ich doch emanzipiert, hatte Jahre in Ausbildung und berufliche Anerkennung investiert, Freude an meinem Beruf und mein eigenes Geld verdient.

Selbst zu DDR-Zeiten mit einem halben Jahr in die Krippe gekommen, hatte ich das Lebensmodell meiner Eltern nie in Frage gestellt – und tue es vor dem Hintergrund der damaligen Entscheidungskriterien und Umstände heute auch nicht. An dieser Stelle sei angemerkt: meine Mutter stillte mich im ersten Lebensjahr trotz sechsstündigem Krippenaufenthalt voll und wurde für die Stillpausen von ihrem Arbeitgeber (in direkter Nähe) freigestellt. Wer kann das heute? Darüber hinaus war ich in einer kleinen Einrichtung mit geringer Gruppengröße von sechs Kindern, die von drei Erzieherinnen betreut wurden...was vermutlich auch damals nicht dem Standard entsprach...Im Kindergartenalter blieb ich durch die Geburt meines Bruders und das damit zusammenhängende „Babyjahr“ meiner Mutter häufig bei den beiden zu Hause und hatte somit viel gemeinsame familiäre Zeit und eine enge Bindung zu ihnen. Was ich damit sagen will: die menschliche Entwicklung hängt von zu vielen Einzelfaktoren und deren Zusammenspiel ab, als dass man nur den einen Faktor für diese oder jene Entwicklung verantwortlich machen könnte. Vor diesem Hintergrund möchte ich auch unsere Argumente für die Betreuung durch die Eltern selbst verstanden wissen. Mich haben sie aber überzeugt und daher möchte ich verdeutlichen, was mich mit meiner Prägung dazu bewogen hat, in der Betreuung meiner eigenen Kinder den gewählten Weg zu gehen.

In meiner Arbeitsumgebung war ich mit 1,5 Jahren beantragter Elternzeit schon aus dem Rahmen gefallen – üblich war ein Jahr und danach der Wiedereinstieg zu mindestens 75% der Arbeitszeit. Glücklicherweise beschlich mich nach ca. 6-8 Monaten gelebter, genossener, aber auch anstrengender Elternzeit ein schlechtes Gefühl bei dem Gedanken, mein Kind mit einem Jahr (wie ursprünglich geplant) in die Krippe zu geben. Die Besichtigung mehrerer Einrichtungen, Gespräche mit Mitarbeitern und Beobachtungen vor Ort bestärkten mein Unbehagen bei diesem Gedanken noch mehr. Da ich bisher als Psychologin tätig war, waren mir Begriffe wie Bindung, Hirnentwicklung, Streßforschung durchaus geläufig. Dennoch ging ich auf die Suche nach Literatur und Befunden, die mein Bauchgefühl bestärken konnten – und wurde fündig (sh. Lesenswert). Zugute kamen mir sicher auch die Arbeitsbereiche, in denen ich vor der Geburt meines Kindes tätig war. In der Kinder- und Jugendpsychiatrie hatte ich Erfahrungen mit Heranwachsenden gemacht, deren Schwierigkeiten in der Lebensbewältigung, meiner Meinung nach, vielfach mit schwierigen Bindungserfahrungen in ihrer jeweiligen Umwelt zusammenhingen. Den immensen – wenn auch nicht allein entscheidenden -  Einfluss, den familiäre Herkunft und soziales Umfeld und Erleben auf den eigenen Lebensweg haben können, wird wohl kaum jemand bestreiten.

Meine spätere Arbeitsstelle in einer onkologischen Abteilung prägt sicher meine Lebenseinstellung in besonderem Maße. Bei der Begleitung von schwerkranken und auch sterbenden Menschen kommt man nicht an der Reflektion über eigene Prioritäten und Lebensmodelle vorbei. Es gab nicht einen Patienten, der in der Zeit der größten Not oder auch Rückschau auf gelebtes, bald zu vollendendem Leben gesagt hätte „Ach, hätte ich doch mal mehr Zeit auf Arbeit zugebracht!“. Der Tenor war eindeutig: Zeit mit Familie und Freunden, Zeit für Beziehungen waren das, woran sich die Menschen erinnerten und was ihnen in dieser Zeit Kraft gab – oder was sie bedauerten, (noch) nicht intensiver gelebt zu haben. Wie wäre es ihnen wohl ohne diese grundlegende Ressource menschlichen Seins ergangen?

Nachdem ich meine Intuition durch verschiedene Schriften bestätigt sah, konnte ich dank der Zustimmung meines Arbeitgebers meine Elternzeit verlängern. Für mich begann danach – da war dieses Kind bereits ein Jahr alt – die eigentlich wunderbarste Zeit bisher. Die Säuglingszeit war auch zauberhaft – geprägt von viel Neuem, dem niedlichen kleinen Wesen mit seinem süßen Lächeln und seiner Entdeckungslust. Schlafmangel, Unsicherheiten und manchmal sogar leichte Überforderungsgefühle gehörten aber auch dazu. Der wirkliche „Genuss“ und das Selbstvertrauen in mich und meine mütterlichen Kompetenzen begannen für mich rückblickend erst mit der Krabbelzeit.

Seitdem genieße ich jeden Tag mit meinem Kind ganz besonders. Mittlerweile hat der Kleine seine Persönlichkeit und seinen eigenen Willen entdeckt und auch hier gibt es für mich immer wieder Herausforderungen, an denen ich mit meinem Sohn gemeinsam wachsen kann. Ich glaube, dass ich die Ruhe und Gelassenheit im Umgang mit ihm nicht in diesem Maße hätte, würde ich mich zwischen Erwerbs- und Erziehungsarbeit teilen müssen. Ich kann ihm viele Freiräume geben - gerade weil ich ihn so gut kenne und seine Fähigkeiten einschätzen kann.

Er kann sich ausprobieren, Fehler machen, korrigieren und bei Niederlagen dazu lernen. Ich bin als Sicherheit, als „sicherer Anker“, im Hintergrund da und begleite ihn bei der Weltentdeckung.

Durch seine ständig wachsende Selbständigkeit und das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten lernt er Selbstvertrauen und selbst wirksam zu sein - Grundlagen für das spätere Leben. Ich bin davon überzeugt, dass das wenig aufregende (i.S. von stressig), weil immer ähnlich strukturierte und von wenig Zeitdruck geprägte Lebensumfeld hierzu und zur fröhlichen und ausgeglichenen Art meines Sohnes beiträgt.

Einen weiteren Vorteil sehe ich für uns als Familie: da ich mein Kind zu Hause betreue, kann ich Vieles (zugegeben: angepasst ans kindliche Tempo – übrigens eine wunderbare „Entschleunigungsübung“ ) bereits tagsüber erledigen (Einkäufe, Haushalt, etc.). Mein Kind lernt, was zum Leben so dazugehört (gemeinsam kochen, Wäsche aufhängen etc.), dass man nicht nur den ganzen Tag lang spielen kann und am Abend bleibt Raum für gemeinsame Zeit, in der auch mein Mann für sein Kind voll und ganz da sein kann, wir gemeinsam essen, und uns auch als Paar meist in Ruhe austauschen können.

Es ist absehbar, dass ich nie wieder so nah am alltäglichen Leben meines Kindes teilhaben und das Leben mit ihm so intensiv genießen, so viel LebensZEIT mit ihm verbringen werde wie in dieser frühen Phase. Wie schnell sind doch zwei, drei Jahre vorbei…

Ich bin äußerst dankbar, dass ich diese Zeit so intensiv erleben und meinem Kind nach den mir wichtigen Grundsätzen die Welt erklären darf - in einer seiner prägendsten und für die Lebensbewältigung entscheidenden Entwicklungsphasen. Ich bin in der glücklichen Lage, dass wir uns als Familie für diesen Weg trotz (finanzieller) Einschränkungen ohne große Bauchschmerzen entscheiden konnten, mein Mann und ich uns einig sind und er mich in meiner „Tätigkeit als Mutter“ permanent bestärkt. Ich weiß, dass dies leider nicht immer der Fall ist und schätze unser Lebensmodell daher in ganz besonderem Maße.

Dieser Lebensabschnitt beinhaltet für mich eine mit nichts vergleichbare LebensQUALITÄT und LebensINTENSITÄT.

Geschrieben von: Mama, Ehefrau, Hausfrau, Tochter, Freundin, Psychologin; Sohn 27 Monate alt